“I want
to give you this and ask for nothing in return.”
Von einem
zarten Schleier des Halls umgeben, eröffnet uns Christian Kjellvander mit seiner
sanften Stimme die Tür zu seinem neuesten Werk "Hold Your Love Still“ – sein erstes Soloalbum
seit "About Love And Loving Again" aus dem Jahr 2020. In dieser Schaffensphase zeigt sich
Kjellvander von seiner reflektierenden Seite und erkundet die Herausforderungen einer
aufrichtigen Lebensführung, verstrickt in den komplexen Einflüssen des Kapitalismus. Gleich-
zeitig fordert er uns dazu auf, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht zu verlieren.
Das Album beschäftigt sich mit existenziellen und umweltbedingten Spannungen, wandelt
jedoch gekonnt zwischen Stoizismus und Optimismus. Er bereichert seine charakteristische
melancholische Stimmung mit schwebenden Kompositionen in Dur, die jeden Song zu einem
tiefgründigen Erlebnis machen. Jeder Song ist präzise und durchdacht – im Gegensatz zu den
musikalischen Grenzüberschreitungen, die für seine letzten Werke prägend waren, vollzieht er
nun eine bewusste Hinwendung zum Song. Die Texte sind voller natürlicher Bilder,
subtiler Poesie und faszinierender Empathie. Dies ist die Arbeit eines erfahrenen Songwriters,
der sich in Höchstform präsentiert.
Die Liebe, von der im Albumtitel die Rede ist, ist ein Zustand der Energie bzw. eine Konzentration
von Gefühlen, eine schwer zu beschreibende Qualität jedenfalls, die er gelegentlich in unserer
modernen Gesellschaft vermisst. Das erfrischende Eröffnungsstück "Western Hemisphere"
bestätigt, dass alles, was wir brauchen, bereits in unserer Nähe liegt; wir müssen nur lange
genug stillhalten, um es zu erkennen. Das Stück feiert die Kraft der Natur und erinnert uns
daran, dass das hohe Gras mehr Schönheit besitzt als der noch so sorgfältig gepflegte Rasen.
Auch "Notes From The Drive Between Simat and Alcoi“ hat das in unserer Gesellschaft so
verbreitete Streben nach Perfektion zum Thema. Es ist ein Reisebericht aus dem südöst-
lichen Spanien, inspiriert von atemberaubenden Tälern, einem Zisterzienserkloster und der
beruhigenden Verzerrung eines ziemlich maroden Sound-Systems. Darin erinnert Kjellvander
sich an einen Auftritt in Alcoi, einer Stadt, die in den Anfängen der Arbeiterbewegung im 19.
Jahrhundert eine zentrale Rolle gespielt hat, auch wenn Streikposten ihre Stimme heutzutage nur
noch im Flüsterton erheben. Kjellvander bringt seine Freude an zerklüfteten Land-
schaften, verwitterten Gemäuern und brummenden Lautsprechern zum Ausdruck und
äußert zugleich seinen Protest gegen die schnurgeraden Linien und den sauberen
Sound unserer kommerzialisierten Existenz. Unterdessen entwickelt sich das Stück von der
Ballade zur Hymne.
In dem Song "Baleen Whale" geht es um die Belastung durch die ständige Überflutung mit
Nachrichten oder auch die fehlende Abgrenzung gegenüber den Problemen anderer Menschen.
Christian zieht daher den Vergleich zu einem Wal, der unablässig Nahrung durch seine Barten
filtert und schließlich strandet. Ein rumpelnder Bass und Schlagzeugbesen bilden das rhyth-
mische Gerüst, während das zarte Piano und düstere Streicher einen melancholischen Hinter-
grund für Kjellvanders Geschichte bilden, bis schließlich ein unerwarteter Schwall aus hoffnungs-
trächtigen Akkorden den Refrain in ungeahnte Höhen hebt.
Im vierten Song des Albums, dem wunderschönen „Terns Took Turns“, webt Christian seine
eigene Liebe in ein Liebeslied ein, in dem er sich mit Intimität und Verletzlichkeit auseinander-
setzt. Er fängt in diesem Stück nicht nur den Moment der Hingabe an das überwältigende Gefühl
der Zuneigung ein, sondern auch jene Nähe, die eine Kommunikation ohne Worte erst möglich
macht.
Das sehr plastische, von einem stampfenden Rhythmus begleitete „Disgust For The Poor“ liefert
eine schmerzhaft präzise Analyse des Kapitalismus, des Konsumismus und des fortgesetzten
Kolonialismus. Gleichzeitig stellt es die Frage, ob wir ein ungerechtes System wirklich verändern
können, während wir gleichzeitig all die Annehmlichkeiten genießen, die es uns bietet. In
dem berauschenden und phantasievollen „On Wine And Jesus Christ“ verwirklicht Kjellvander
dann ein lang gehegtes Vorhaben und erforscht seine Beziehung zum Alkohol, erinnert sich
daran, wie er den Alkohol und wie dieser ihn benutzt hat. Ist es möglich, Alkohol zu genießen,
ohne gleichzeitig seinen Gefährdungen zu erliegen?
Das Album erreicht seinen Höhepunkt in dem epischen und fesselnden Track "We Are
Gathered", der eine neunminütige Reise darstellt, die die Albumthematik geschickt mit
Verantwortungsbewusstsein und Optimismus verbindet. Die Musik entführt den Hörer in einen
hypnotischen Zustand, während die Melodien und Klänge sich zu einem beeindruckenden
Crescendo entwickeln.
Mit dem abschließenden Song "Dream 2066" präsentiert uns Christian Kjellvander eine
beruhigende Vision einer möglichen Zukunft, die frei von Klimakatastrophen und den Fesseln
des Kapitalismus ist. Seine tröstliche Stimme hinterlässt eine bleibende Botschaft über die Macht
der Gemeinschaft und des Zusammenhalts.
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